Volksfeste – Liebe Götter, tanzt mit uns! –

Bild 1: Nebuta-Matsuri

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Untertitel des vorliegenden Artikels Sie, Christen, verwirrt. Aber Sie werden nach dem Lesen verstehen, warum ich diesen Untertitel gewählt habe.

Zuerst möchte ich zwei japanische Volksfeste vorstellen, um Ihnen einen Vorgeschmack des Artikels zu geben.  

Nebuta-Matsuri (Bild 1)

“Nebuta-Matsuri”, also „Nebuta-Fest“, ist das bekannteste Feuerfest in Japan, dessen Ursprung umstritten ist. Es findet in der heiß-schwülen Jahreszeit in Nord-Japan statt. Bei diesem Matsuri werden mehrere Matsuri-Wagen mit leuchtenden Figuren durch das Zentrum der Stadt geführt, während Tänzer mit einer eigenartigen Tracht tänzeln. Jeder, auch ein Tourist, kann als Tänzer an der Prozession teilnehmen, solange er das richtige Kostüm trägt. Die Kostüme werden in Supermärkten und Kaufhäusern der Stadt verkauft. Sie können auch gemietet werden.  

Die riesigen leuchtenden Festwagen werden „Nebuta“ genannt (Bild 2). „Nebuta“ bedeutet „Schläfrigkeit“. Die eine der umstrittenen Entstehungstheorie dieses Matsuri ist, dass es ursprünglich ein kleines Bauern-Fest war, das vor der wichtigen Erntezeit die störende Schläfrigkeit vertreibt. Jeder Festwagen wiegt 4Tonnen. Die Figuren sind Krieger-Figuren aus dem Kabuki-Theater und historische oder mythische Abbildungen aus der japanischen oder chinesischen Kultur (Bild 3). 

Die Tänzer heißen „Haneto“. Und die „Haneto“ bedeuten „hüpfende Menschen“ (Bild 4).  

  • Bild 2: Festwagen „Nebuta“

  • Bild 3: Leuchtende Figuren

  • Bild 4: Tänzer „Haneto“

Bild 5: Takayama-Matsuri

Takayama-Matsuri (Bild 5)

Es wird angenommen, dass „Takayama-Matsuri“ vor 400 Jahren gestartet wurde, auch wenn sein Ursprung nicht bekannt ist. Es findet zweimal im Jahr in Takayama, Mittel-Japan, statt. 

Im Frühling 12 und im Herbst 11 Festwagen werden sehr luxuriös geschmückt (Bild 6), mit Schnitzereien, Puppen, aufwendig gewebten Vorhängen und Lackarbeiten (Bild 7). Sie zeigen eine Mischung von Kulturen verschiedener Epochen. Die Festwagen werden durch die Stadt gezogen.

Takayama ist eine kleine Provinzstadt mitten in den Bergen. Es wird trotzdem gesagt, dass dieses Matsuri eines der drei schönsten Matsuri Japans ist.  

Tagsüber wird ein maschinelles Puppenspiel Gottheiten dargebracht (Bild 8), wobei das schintoistische Gebet verrichtet wird. 

  • Bild 6: Festwagen

  • Bild 7: Kunstwerke

  • Bild 8: Puppenspiel

Bild 9: Mythologie

Shintoismus 

Volksfeste haben im Allgemeinen religiöse Hintergründe. Es gibt in Japan neben dem im 6. Jahrhundert eingeführten Buddhismus eine einheimische Religion, die Shintoismus bzw. Shintō heißt. Und diesem Shintō entstammen die meisten japanischen Volksfeste.

Ich werde zuerst den Shintō beschreiben.   

Entstehung 

Der Shintō stammt aus der japanischen Mythologie (Bild 9). In der ältesten Schrift der japanischen Geschichte vom Jahr 712 und im zweitältesten Geschichtsbuch vom 720 finden sich mythische Erzählungen mit zahlreichen Göttern. Demnach war die Welt anfangs ein Chaos, in dem Himmel und Erde noch nicht voneinander getrennt existierten. Das Urgötterpaar, Izanami und Izanagi, erschuf ein Festland aus dem uranfänglichen Chaos folgendermaßen; 

Auf der Schwebebrücke stehend, tauchten sie die himmlische Lanze ins Meer und rührten darin herum. Als sie die Lanze aus dem Wasser hoben, tropfte von der Spitze Salz herab, das zur ersten Insel der japanischen Inselkette gerann. Sie stiegen dann auf die Insel herab, errichteten einen Palast und vollführten den Hochzeitsritus, um weitere Inseln zu gebären.   

Nach der Mythologie entstand der Shintō im Jahr 660 vor Christus als der erste Tennō, d. h. der erste Kaiser Japans auf den Thron erhoben wurde (Bild 10). Der Shintō ist somit eine einheimische wesenseigene Religion Japans. Allerdings gehört die japanische Geschichte vor dem 6. Jahrhundert nach Christus zur Mythologie. Das heißt, der erste Jinmu-Tennō und die nachfolgenden 25 Kaiser sind mythische Figuren. (Der jetzige Tennō ist übrigens der 126-te, und er ist auch verständlicherweise der höchste Shintō-Priester wie seine Vorfahren.)

Kami

Mit dem Shintō ist eine Fülle von „Kami“ verbunden (Bild 11).

Kami sind verehrte geistige Wesen, die sich den Menschen als Natur und Naturphänomene präsentieren, wie Bergen, Flüssen, Bäumen, Sonne, Regen, Sturm und dergleichen. Und Kami sind auch Ahnengeister. Unsere polytheistische bzw. animistische Volksreligion, der Shintō, ist also eine Mischung von Natur- und Ahnenkult. Kami leben entweder im Himmel oder unter den Menschen. Sie haben fast alle eine menschliche oder menschenähnliche Gestalt. Ihr Charakter ist menschlich, d. h. sie können nett und freundlich oder aber auch böse sein. Das Prinzip des Shintō ist, dass man die Existenz von Kami verspürt und betet (Bild 12).  

Während das Christentum immer auf der Oberfläche des Bewusstseins existiert, liegt der Shintō tief im Unterbewusstsein. Es ist Japanern nicht bewusst, dass der Shintō in der Persönlichkeit einzelner Japaner pulsiert und dass der Shintō der Ausgangspunkt des japanischen Denkens, der Ästhetik und der Moral ist.

Der Shintō ist für Nicht-Japaner schwer zu verstehen, nicht weil seine Lehre und Konzepte kompliziert sind, sondern weil sie gerade fehlen. Das heißt, der Shintō besitzt weder einen Gründer noch eine heilige Schrift, noch eine Glaubenslehre. 

Trotzdem werde ich versuchen, Ihnen den Shintō vorzustellen. 

Im Christentum ist Gott allmächtig und allwissend. Im Shintō weder noch. Und gerade weil die japanischen Götter weder allmächtig noch allwissend sind, hat jeder Gott sein Spezialgebiet. Wenn jemand einen Wunsch hat, wird er einen Schrein der Gottheit aufsuchen, die auf sein Anliegen spezialisiert ist. Shintō-Schreine sind ihrer ganzen Struktur nach für jedermann jederzeit leicht zugänglich. Es gibt keine festgelegten "Sprechstunden".   

Man sagt, dass es in Japan 8 Millionen Kami gibt. Das ist natürlich eine symbolische Zahl, aber es gibt tatsächlich zahlreiche Kami, weil Japaner Figuren aus der Mythologie, die Natur, historische Helden und eigene Ahnen vergöttlichen und verehren. 

  • Bild 10: Entstehung vom Shintō

  • Bild 11: Kami

  • Bild 12: Beten zu Kami

Bild 13: Beispiele von Kami

Beispiele von Kami (Bild 13)

Amaterasu-Ōmikami ist Sonnen-Göttin und in Ise in West-Japan verehrt. Ihr Bruder Tsukuyomi-no-Kami ist Mond-Gott. Der bekannteste seiner Schreine ist in Kyoto. Omoikane-no-Kami ist Gott für Weisheit und Wissenschaft. Sein Hauptschrein steht in Chichibu in Mittel-Japan. Hinokagutsuchi-no-Kami ist Feuer-Gott in Tsu bei Kyoto. Iwakamutsukari-no-Kami ist Schutzgott von Köchen. Er trägt deshalb Muschel und Fisch. Sein Schrein liegt am Meer bei Tokyo. Ōkuninushi-no-Kami aus Izumo in West-Japan stabilisierte und regierte das Land.  

Es gibt insgesamt über 80.000 Gottesschreine in ganz Japan. Neben großen und kleinen Schreinen findet sich überall in Japan zum Beispiel ein Altar für Wasser-Gott oder ein gemeißelter Stein als Abgott für Reisfeld. Der ganze Miwa-Berg in der Nähe von Nara ist eine Gottheit. Als Felsen-Gott verehrte Ehepaar-Felsen gibt es in Japan in ca. 60 Orten (Bild 14).

Weitere Gottheiten bzw. Schreine bzw. Altäre sind im Bild 15 zu sehen. 

Sie kennen vielleicht den Itsukushima-Schrein in Miyajima bei Hiroshima, wobei die ganze Insel vergöttert ist. Auf den Geländen des Schreins in Miyajima und des Kasuga-Schreins in Nara streifen zahlreiche Rehe frei umher. Die Schreine hüten die Tiere, weil Reh für ein Gottesbot gehalten wird. Weitere ca. 20 Tiere, wie Affe, Kranich, Schlange, Wolf usw., werden in anderen einigen Schreinen als Gottesboten betrachtet. Fuchs ist eine Ausnahme und wird selbst als Gott angebetet; und zwar ursprünglich als Gott für gute Ernten und heute als Gottheit für Handel sowie Geldverdienen. Mit einem Drittel der über 80.000 Schereine sind die Fuchs-Schreine am meisten. Das ist irgendwie verständlich. Gott für blühendes Geschäft würde man auch in Deutschland gerne anbeten. Der Fushimi-Inari-Schrein in Kyoto ist der bekannteste Fuchs-Schrein. Weil wir „8 Millionen Götter“ haben, sind sie im täglichen Leben allgegenwärtig. Auf einem privaten Grundstück sehen wir einen Altar für Grundstück- und Gebäude-Gott. Neben einem Brunnen gibt es einen Altar für Brunnen-Gott. In vielen, etwas traditionellen Wohnhäusern ist ein Hausaltar an mehreren Stellen eingerichtet. Im Bild 15 ist ein Altar für Wasser-Gott in der Küche, weil in der Küche viel Wasser verwendet wird. 

Während im Christentum ein unüberwindbarer Unterschied zwischen Gott und Menschen besteht, ist im Shintō eine Transformation von Menschen zu Gott möglich; nämlich großartige Persönlichkeiten werden vergöttert, um ihre Leistungen anzuerkennen, und auch die Menschen, die sich für das Land opferten, werden göttlich verehrt, um ihre Seele zu besänftigen (Bild 16). Der Hofadrige und Staatsmann, Sugawara-no-Michizane, der schon zu Lebzeiten als Kalligraph, Literat und Gelehrter geschätzt war, unterlag im politischen Machtkampf und wurde auf die Kyushu-Insel in die Verbannung geschickt, wo er verbittert starb. Heute ist er eine der wichtigsten und populärsten Gottheiten; und zwar Gottheit für schulische Leistung. Shogun Tokugawa vereinigte das Land, und seine Dynastie hielt über 250 Jahre Frieden. Der Admiral Tōgō Heihachirō führte Krieg gegen Rußland und trug zum Sieg maßgeblich bei. Er ist wegen seines Heldentums in Kyoto verehrt. Es gibt einen einzigen Deutschen, der in Japan vergöttert ist. Das ist Robert Koch. Sein Schrein ist im Campus der Kitazato-Universität in Tokyo. Ein japanischer Arzt namens Kitazato war Schuler von Robert Koch an der Universität Berlin. Er arbeitete an Diphtherie und wurde für den ersten Medizin-Nobelpreis nominiert, was zu seiner Vergötterung führte. Jemand muss dabei gesagt haben, „Wenn der Schuler Gott ist, muss sein Lehrer auch Gott sein.“ Der Schrein heißt nun〈Koch-Kitazato-Schrein〉.

 

  • Bild 14: Altar, gemeißelter Stein sowie Natur-Gottheiten

  • Bild 15: Weitere Gottheiten bzw. Schreine bzw. Altäre

  • Bild 16: Vergötterte Persönlichkeiten

Bild 17: Funktion des Schreins

Funktion des Schreins

Priester gibt es im Shintō selbstverständlich, aber nicht an allen Schreinen, sondern an relativ wenigen, mittleren und großen Schreinen. D. h. nur jeder siebte Schrein hat seinen eigenen Priester. Interessant ist, dass viele Priester ihr Amt nur nebenberuflich ausüben. Hauptberuflich sind sie Lehrer, Gemeindebeamte, Bauern usw. Der Priester ist nicht notwendig als Mittler zwischen Gott und Menschen. Seine Aufgabe ist der Dienst an der Gottheit. Insbesondere sind hier zu nennen (Bild 17):  

• das Darbringen des morgendlichen Speiseopfers, bestehend aus (ungekochtem) Reis, Sake, Salz und Wasser, 

• das Reinhalten des Schreins, 

• sowie die Durchführung des regelmäßigen Schreinfestes.    

Reinigungsritual

Und der Priester übernimmt die Aufgabe, für die Bevölkerung Rituale durchzuführen (Bilder 18 u. 19); nämlich Reinigung von Sünde, Unreinheit, Pech und Krankheit sowie Befreiung von bösen Geistern. „Kegare“ ist im wörtlichen Sinne Schmutz. Im Shinto bedeutet er einen Zustand, in dem die Vitalität ausgeschöpft ist. Das Reinigungsritual wird oft durchgeführt mit symbolischem Waschen mit Wasser oder mit einem Holzstab, der mit einer Vielzahl gezackter Papierstreifen versieht und vom Priester geschwenkt wird. Menschen, Orte und Objekte können alle das Objekt der Reinigung sein. Durch „Misogi“ bzw. „Harai“ wird man regeneriert. 

Durch „Misogi“ erreicht die Frau im Bild 19 die kultische Reinheit, die praktisch eine frische vitale Lebendigkeit bedeutet.

Ein neues Auto wird von bösen Geistern befreit, und für die Besitzerin wird um gute Fahrt zu Gott gebetet.  

Dort, wo ein Haus gebaut wird, wird eine Erdbeschwichtigungszeremonie abgehalten. 

Vor dem Abreißen eines Hauses wird seine Seele besänftigt, und es wird auch um Sicherheit und Gelingen der Arbeit gebetet.  

Was ist Matsuri?

Neben solchen Ritualen, die wenig Spaß machen, gibt es zahlreiche traditionellen Volksfeste, die wir „Matsuri“ nennen (Bild 20). Ihre Bedeutung liegt zwischen Religion und Volksvergnügen.

„Matsuri“ ist der Ausgangspunkt des seelischen Klimas der Japaner. Und hier befindet sich die Urform der japanischen Kultur; nämlich, die Opfergabe ist die Urform der Esskultur. 

Das Shintō-Gebet steht mit der „Seele des Wortes“ in Zusammenhang. Was ist die „Seele des Worts“? Nach dem Shintō hat jedes Wort eine Seele. Und wenn ein Wort ausgesprochen wird, dann wird es verwirklicht. 

Der kultische Tanz ist die Urform der Bühnenkunst. 

Die Empfang und Abschied von Gottheit widerspiegeln die japanische Denkweise, dass es eine andere Welt nach dem Tod gibt.

Japaner haben eine Kultur von Festmahl sowie gemeinsamem Essen. 

Und wir haben auch die Lebensgewohnheit, die Alltag und Nicht-Alltag streng unterscheidet.    

Das Wesentlichste des japanischen „Matsuri“ ist die kultische Reinheit, so dass während des „Matsuri“ immer wieder Reinigungsritual durchgeführt wird.   

Wie wird „Matsuri“ durchgeführt? (Bild 21)

„Matsuri“ ist meistens mit dem örtlichen Schrein oder mit der Ortschaft verbunden und weist regionale Eigenheiten auf. Das ganze Jahr über findet in zahlreichen Städten und selbst in entlegensten Dörfern „Matsuri“ statt, zu dem man die Gottheit einlädt, die in dem örtlichen Schrein eingeschlossen ist. Sie wird mit Opfergaben, Gebeten und Tänzen unterhalten. Dabei ist es das Grundprinzip, dass man mit der Gottheit gemeinsam isst, wodurch die Menschen mit dem Gott vereinigt werden. 

Die Opfergabe besteht hauptsächlich aus Reis, Sake und Reiskuchen. Außerdem werden Fisch, Seetang und Gemüse sowie Obst dargereicht.    

„Matsuri“ sind ausgelassene Feste, die aus dem Jahreslauf der Bauern entstanden sind. Die ausgelassene Stimmung bei „Matsuri“ steht nicht im Widerspruch zu der sakralen Bedeutung, sondern sie ist im Gegenteil als Beweis der eigenen Lebensfreude für die Gottheit sehr wichtig. Und bei „Matsuri“ wird die Lebenskraft regeneriert, die während des täglichen Lebens nachgelassen war. Im Mittelpunkt des „Matsuri“ stehen Dank für gute Ernten, Bitte um Fruchtbarkeit und Gesundheit sowie Ritual zur Schadensabwehr.  

Mikoshi

Bevor ich weitere 4 Feste präsentiere, muss ich von „Mikoshi“ (Bild 22) erzählen. 

 „Mikoshi“ ist ein tragbarer Shinto-Schrein (bzw. eine Sänfte), in welcher „Kami“, also Gottheit, während des „Matsuri“ vorübergehend ihren heiligen Sitz hat. Es gibt verschiedene Gestalten von „Mikoshi“. Aber meistens hat er ein geschwungenes, reich verziertes Dach. 

Bei „Matsuri“ wird das „Mikoshi“ mit Hilfe zweier waagerechter Tragbalken getragen. Die Träger stemmen sich unter die Balken und tragen ihn mit lauten, rhythmischen Rufen und Trillerpfeifen durch die Straßen. Bei manchen Festen wird das „Mikoshi“ von den Trägern hin und her geschwenkt, um die Seele des Gottes zu aktivieren. Das „Mikoshi“ spielt bei „Matsuri“ häufig die Hauptrolle. 

  • Bild 18: Rituale des Shintoismus I

  • Bild 19: Rituale des Shintoismus II

  • Bild 20: „Matsuri“ I

  • Bild 21: „Matsuri“ II

  • Bild 22: „Mikoshi“

Bild 23: Onbashira-Matsuri

So, es folgen nun 4 Matsuri.

Onbashira-Matsuri (Bild 23)

“Onbashira-Matsuri” ist sehr alt. Im Suwa-Schrein ist ein Ehepaar verehrt. Sie sind Gottheiten von Wind, Wasser, Jagd, Landwirtschaft und Krieg. Dieses Matsuri findet nur einmal alle sieben Jahre statt. Zuletzt war es im Jahr 2016. 

Der Suwa-Schrein besteht aus 4 Unter-Schreinen, und jeder von ihnen hat vier vergötterte Holzpfosten aus Tanne (Bild 24). Diese insgesamt 16 Pfosten müssen alle sieben Jahre durch sorgfältig ausgewählte Neue ersetzt werden, weil dadurch die Kraft der Gottheit regeneriert werden soll. Dieses Matsuri wird 2 Monate lang gefeiert.  

Die neuen Holzpfosten werden zu den entsprechenden Schreinen über eine Strecke von 10km, zum Teil sogar über 20km geschleppt (Bilder 25 u. 26). Stellenweise werden sie auf steilem Abstieg herabgeschleppt, was nicht einfach ist, weil jeder Tannenpfosten 17m lang, 1m im maximalen Durchmesser groß und 13 Tonnen schwer ist. 

Der zu überquerende Fluss ist etwa 30 m breit. Das Wasser ist Schneewasser aus den japanischen Alpen, also bitterkalt. Es wird gesagt, dass durch das Überqueren dieses Flusses die Menschen und der Holzpfosten im shintoistischen Sinne gereinigt werden. Man kann sich gut vorstellen, dass dieses „Matsuri“ mit großem Risiko verbunden ist. Jedesmalig gibt es mehrere Verletzte und sogar Tote. Zum Beispiel verstarb ein Teilnehmer beim „Onbashira-Matsuri“ 2016. 

  • Bild 24: Einer der 4 Suwa-Unterschreine

  • Bild 25: Schleppen der Holzpfosten I

  • Bild 26: Schleppen der Holzpfosten II

Bild 27: Gion-Matsuri

Gion-Matsuri (Bild 27)

Während das vorherige “Onbashira-Matsuri” ein einmaliges Fest ist, gibt es „Gion-Matsuri“ in mehreren Städten; unter anderen in Fukuoka. Es wird in jedem Sommer 2 Wochen lang gefeiert. Im Kushida-Schrein sind drei Kami verehrt, darunter die Sonnen-Göttin und ihr kleiner Bruder.  

Bei diesem Fest beten die Bürger von Fukuoka um Schutz vor Seuche und um Gesundheit (Bild 28). Der Höhepunkt beginnt um 5 Uhr morgens vom letzten Festtag; und zwar 7, je 1 Tonne schwere, imponierend geschmückte Festwagen starten alle 5 Minuten nacheinander und laufen mit voller Kraft durch die Stadtmitte (5km). Dabei wird miteinander um Schnelligkeit wetteifert. 

Beim Lauf wird Wasser auf die Männer gespritzt (Bild 29). Im Shintō hat Wasser eine reinigende Kraft, vielleicht ähnlich wie das Weihwasser im Katholizismus. Das „Gion-Matsuri“ in Fukuoka ist ein reines Männerfest. Und wer, an welchen Positionen den Festwagen ziehen oder schieben oder mitlaufen dürfen, ist innerhalb jeder Trägergemeinschaft nach ihrer traditionellen Hierarchie festgelegt (Bild 30). Die Figuren sind Ungeheuer, Krieger sowie historische Helden aus der Mythologie oder aus Abenteuerromanen, die jedenfalls tapfer und mutig aussehen. 

  • Bild 28: Festwagen

  • Bild 29: Lauf der Festwagen

  • Bild 30: Kleine und alte Teilnehmer

Bild 31: Kanamara-Matsuri

Kanamara-Matsuri (Bild 31)

Das Volksfest vom „Kanayama-Shinto-Schrein“ heißt „Kanamara-Matsuri“ und findet seit 300 Jahren jährlich im April in Kawasaki bei Tokio statt. In diesem Schrein sind zwei Gottheiten eingeschlossen.  

Japaner kommen zu diesem „Matsuri“, um bestimmte Angelegenheiten zu beten (Bild 32). Nach Ritualen und Tänzen gibt es eine Prozession, wobei zuerst eine Priesterschaft vorbeigeht (Bild 32). 

Dann werden drei „Mikoshi“ vorbeigetragen (Bild 33). Das männliche Geschlechtsorgen ist dekoriert mit gezackten Papierstreifen als Zeichen der Heiligkeit. Das Pink-farbige Mikoshi ist ein Weihgeschenk von einem Transvestiten-Club in Tokyo. Es wird deshalb von den Club-Mitgliedern getragen. 

Im Shinto ist Sexualität etwas heiliges, denn ich habe vorhin erwähnt, dass ein Urgötterpaar die japanische Inselkette gebar. Die Sexalität wird also als Quelle von allem betrachtet, und sie gibt uns, allen Lebewesen, Lebenskraft und Gedeihen. Im Shito sind die Menschen Teil der Natur. 

Dieses „Kanamara-Matsuri“ wurde in den 1960er Jahren unter ausländischen Folkskundlern berühmt, weil so ein eigentümliches Fest in christlichen Ländern nicht mehr existiert. Heute sind gut 1/3 der Teilnehmer und Zuschauer Nicht-Japaner. Das Problem dieses „Matsuri“ ist, dass es leider zunehmend für eine erotische Attraktion gehalten wird (Bild 34). Das „Kanamara-Matsuri“ ist selbstverständlich ein heiliges, schintoistisches Fest. 

  • Bild 32: bestimmte Angelegenheiten, Tanz und Prozession

  • Bild 33: Mikoshi

  • Bild 34: Weitere Vergnügen beim Kanamara-Matsuri

Bild 35: Awa-Odori

Awa-Odori (Bild 35)

Die letzte Darstellung ist „Awa-Odori“. Das Wort “Odori” bedeutet „Tanz“. „Awa-Odori“ ist ein Ahnenfest, das in Tokushima auf der Insel Shikoku im Hochsommer stattfindet. 

Ahnenfest ist eigentlich ein naives Volksfest. Aber es wurde in Tokushima seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts immer prächtiger und verlor seine ursprüngliche Einfachheit. „Awa-Odori“ ist heute das größte Tanzfestival in Japan, wobei Männer und Frauen in verschiedenen Stilen tanzen (Bild 36). Heutzutage gibt es auch junge Frauen, die absichtlich im Männerstil tanzen. Der Kopf wird häufig entweder mit einem Tuch oder Binsenkorbhut bedeckt. Das bedeutet, dass man seine eigene Persönlichkeit auslöscht und sich so verhält, als ob man irgendjemand außer sich selbst oder vom Geist des Toten besessen wäre.    

Gruppen von choreographierten Tänzern und Musikern gehen durch die Straßen oder tanzen auf der Bühne, in der Regel begleitet von traditionellen Musikinstrumenten. Es wird gleichzeitig an mehreren Stellen der Stadt getanzt. 

Beim „Awa-Odori“ wird ein bekanntestes Lied gesungen. Der Text lautet, „Die Tänzer sind Narren. Die Zuschauer sind Narren. Beide sind gleichermaßen Narren. So, warum nicht tanzen?“ 

Ich würde sagen,  "Liebe ausländische Gäste, tanzt mit uns!“ (Bild 38)

 

[Ende]

  • Bild 36: Verschiedene Tanz-Stile

  • Bild 37: Tänze von Frauen und Männern

  • Bild 38: Tänze von ausländischen Gästen