Ende der Samurai-Zeit und Öffnung des Landes

Bild 1: Fürstentümer

Prolog

Mitte des 19. Jahrhunderts öffnete sich Japan nach der 250-jährigen Isolation. Dieser Artikel wird Antworten auf die Fragen geben, wie es damals überhaupt zur Landesöffnung kam und wie das japanische Volk darauf sowie auf Einreise von Fremden reagierte.   

Wie wir wissen, war Japan in der Samurai-Zeit von der Außenwelt abgeschlossen. Das ist aber nicht ganz richtig. Es gab damals neben Schmuggelei auch einen offiziellen Handel mit China und die Niederlande auf einer künstlichen Halbinsel in Nagasaki. Diese Halbinsel nannte sich Dejima. Das einzige europäische Land, die Niederlande, hatte Faktoreien auf der Dejima.  

Zuerst wollen wir sehen, warum Japan von der Außenwelt nahezu abgeschlossen war und warum Niederländer als einzige Europäer freien Zutritt zu Dejima hatten. Dafür müssen wir auf die Epoche der Seefahrt in Europa zurückgehen. 

Seitdem Portugiesen im 16. Jahrhundert als erste Europäer Gewehre nach Japan brachten, interessierten sich mehrere Regionalfürsten an Handel mit Portugal, weil Japan damals noch in zahlreiche Areale geteilt war und die Fürsten um ihre Herrschaftsgebiete kämpften. Danach kam Spanien als Handelspartner hinzu. Durch europäische Waffen änderten sich Strategie und Taktik der Fürstentümer. 

Tokugawa-Shōgunat

Im Jahr 1600 ereignete sich eine große Schlacht in Mitteljapan. Dabei gewannen der Fürst Tokugawa und seine Verbündeten endgültig. Tokugawa wurde Shōgun und bildete in Edo, also in heutigem Tokyo, eine Shōgunats-Regierung, d. h. Shōgun Tokugawa verteilte seine verbündeten Regionalfürsten um sich herum (rote Kreise) und schickte seine ehemaligen Feinde in die Provinzen (grüne Kreise) (Bild 1). 

So entstand ein dualistisches Herrschaftssystem, bestehend aus der Zentralregierung durch den Shōgun einerseits und ca. 300 Fürstentümern andererseits. Und Shōgun Tokugawa stand mit jedem Fürsten in Herr-und-Diener-Verbindung. 

Verbot vom Christentum

Auch unter der Tokugawa-Herrschaft blühte der Handel mit Portugal und Spanien zuerst. Aber im Laufe der Zeit verstand der Shōgun folgende Eroberungsstrategie der beiden Staaten; und zwar zunächst werden katholische Missionare (Bild 2), und nach Bekehrung der Bevölkerung Soldaten gesendet, um Japan zu kolonisieren. Außerdem hielt der Shōgun den christlichen Glauben für einen Störfaktor für Feudalismus. Um die Absicht der Europäer zu unterbinden und auch um die Ausbreitung der fremden Religion zu verhindern, erließ die Shōgunats-Regierung 1612 ein Verbot vom Christentum. 

Dejima

Gleichzeitig meldete sich ein protestantisches Land, die Niederlande, und bot dem Shōgunat an, ganz ohne missionarische Aktivität nur Handel zu treiben. Daraufhin errichtete das Shōgunat eine künstliche Halbinsel, Dejima (Bild 3), in Nagasaki und erlaubte Niederländern ihre Geschäfte auf der Dejima. Das ist der Grund, warum die Niederlande ihre Sonderstellung in Japan hatten. 

Weitere Maßnahmen

Das Shōgunat ergriff neben der beschriebenen Außenpolitik weitere Maßnahmen zur Stabilisierung der Tokugawa-Herrschaft. Zum Beispiel gab es eine strenge Regel, nach der jeder Regionalfürst jährlich abwechselnd in Edo, d. h. im Shōgun´s Herrschaftsgebiet, leben musste. Seine Ehefrau und Kinder mussten dabei als quasi Geisel ihr ganzes Leben in Edo verbringen. Dieses jährliche Hin-und-Her-Reisen vom Fürsten mit seinen Begleitern und Eskorten (Bild 4) und der Aufenthalt seiner Familienangehörigen in Edo benötigten enorme Kosten. Darüber hinaus wurden Regionalfürsten immer wieder von Shōgun Tokugawa Uferschutzarbeiten oder Bauarbeiten befohlen, selbstverständlich auf Kosten der Fürsten. Dadurch beugte das Shogunat der Möglichkeit vor, dass einer oder andere Fürsten wirtschaftlich stärker als der Tokugawa-Clan würden und gegen das Shōgunat einen Aufstand leisten könnten.  Durch derartige Maßnahmen konnte das Tokugawa-Shōgunat immerhin 250 Jahre Frieden bewahren.  

 

  • Bild 2: Missionar

  • Bild 3: Dejima

  • Bild 4: Reise eines Regionalfürsten mit seinen Eskorten

Bild 5: Verhungern von Bauern

Untergang des Tokugawa-Shōgunats

Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Lage des Landes unter der Tokugawa-Herrschaft ziemlich kritisch. Die Ursache für die immer zunehmende Instabilität des Tokugawa-Feudalsystems war die auf Reis basierende Naturalienwirtschaft. D. h. jeder Fürst, einschließlich des Tokugawa-Clans, ließ seine Bauern fast ausschließlich Reis anbauen. Und mit Reis bezahlte Steuereinnahme verteilte er seinen Lehnsmännern, die den Reis dann Händlern verkaufen mussten, um Bargeld fürs Leben zu bekommen. Auch Bauern mussten Reis gegen Geld umtauschen. 

Im Laufe der Zeit wurde eine Stagnation der Naturalienwirtschaft deutlich spürbar. Während Samurai niedriger Herkunft und Bauern immer ärmer wurden, entstanden reiche Kaufleute, die mit Münzwährung arbeiteten. Viele Samurai machten Schulden bei Kaufleuten und verkauften ihre Schwerter und sogar auch ihre soziale Stellung als Samurai.   

Ab 1830 wurde Japan, insbesondere Nord-Japan, mehrere Jahre lang immer wieder von klimatischen Katastrophen heimgesucht, wie Frost, Dürre und Taifun. Viele Bauern verhungerten (Bild 5), und auch andere Bevölkerungsgruppen litten unter Armut. Leiden und Frustration der Bevölkerung brachten sonst gehorsame Bauern darauf, dass sie Reisspeicher von hochrangigen Samurai und reichen Kaufleuten beraubten. 

In Osaka organisierte ein niedrigrangiger Samurai mit seinen Anhängern und Bauern einen bewaffneten Aufstand gegen die örtliche Verwaltung (Bild 6). Dieser Aufstand wurde zwar leicht niedergeschlagen, aber er gab Anlass zu ähnlichen Aufständen in vielen anderen Lehen in ganz Japan. Die Tatsache, dass ein Samurai, der zur herrschenden Schicht gehört, so einen bewaffneten Aufstand organisierte, war fürs Shōgunat ein schwerer Schock.    

Außerdem fand sich eine Reihe von Gelehrten und Ärzten, die die Administration des Shōgunats bezweifelten, weil sie durch Niederländer gebrachte Informationen über europäische Gesellschaft besaßen.  

Das 250 Jahre gedauerte Tokugawa-Feudalsystem begann von Grund aus zu wackeln.  

Vier Fürstentümer (Bild 7)

Gegen Ende der Edo-Zeit spielten vier Fürstentümer eine große Rolle. 

Das eine ist Aizu, heutige Fukushima. Das Charakteristikum des Aizu-Fürstentums war Förderung von Bushidō, d. h. japanischem Rittertum von Samurai; und zwar durch strenge Erziehung sowie Bildung von Kindern und durch edle Kultur. Alle Samurai in Aizu waren moralische Menschen im Sinne des Bushidō und starrsinnig. Gerade aus diesem Grund konnte das Aizu-Fürstentum das auf Reis basierte Wirtschaftssystem nicht aufgeben, so dass es Industrie und Handel überhaupt nicht anvisierte; genauso wie der Tokugawa-Clan. Aizu war also, in gutem und auch in schlechtem Sinne, das Fürstentum mit dem typischen Bushidō.   

Weitere drei Fürstentümer befanden sich in West-Japan; das sind Chōshū, Tosa und Satsuma. Ihre Lehen waren von Edo weit entfernt, so dass sie der strengen Kontrolle des Shōgunats mehr oder weniger entkommen konnten. Die dortigen Fürsten verfügten über offene Augen, freies Denken sowie klaren Kopf im Gegensatz zum konservativen, versteiften Tokugawa-Clan. Und in ihren Herrschaftsgebieten war Mitte des 19. Jahrhunderts ein finanzieller Wiederaufbau gelungen; und zwar durch Einsparung sowie durch Ausbeutung der bäuerlichen Bevölkerung. Außerdem konnten sie mittels Monopolhandel von ortsspezifischen Agrarprodukten Geld verdienen. Jedes Fürstentum in Japan war damals eine Regional-Regierung und gleichzeitig ein Regional-Unternehmen. 

Dann passierte im Jahr 1853 etwas Schreckliches für Japan. 

Kolonialismus

Wie war die Situation in Europa im gleichen Zeitabschnitt?  

Ab dem 19. Jahrhundert blühten in Europa, vor allem in England und Frankreich, kapitalistische Marktwirtschaft und Kolonialismus auf. Europäische Länder hatten bereits asiatische Länder kolonisiert. Rußland wollte eine Versorgungsstation für seine Pelzhändler in Japan aufbauen. Amerika wollte auch eine Versorgungsstation für ihre Walfangflotte einrichten. So klopften alle westlichen Länder an Japan. 

Aber Japan lehnte Öffnung des Landes strikt ab; mit folgenden Begründungen: 

1. Unser heiliges Land darf von Barbaren nicht verletzt werden. 

2. Japan braucht keinen Austausch mit Ausland. 

Das Shōgunat verjagte alle ausländischen Schiffe außer niederländischen und chinesischen, sogar mittels Kanonen-Schüsse.    

Dann, im Jahr 1853. 

Amerikanische Invasion

Plötzlich erschienen vier große Dampfschiffe der amerikanischen Kriegsmarine in der Bucht von Edo (Bild 8), und es wurde mittels einer großen Kanone mehrere blinde Schüsse abgegeben. Das war ein bewaffnetes Eindringen ins japanische Herrschaftsgebiet. Die Dampfschiffe waren spektakulär und führten zu Nervosität in der Bevölkerung. 

Amerika stellte an Japan vier Forderungen; 

  1. Handel, 
  2. Versorgung von Schiffen mit Brennmaterial und Lebensmittel, 
  3. Schutz von Zuflucht-Suchenden 
  4. und Errichtung des amerikanischen Generalkonsulates. 

Weil Amerika an militärischer Macht dem Japan offensichtlich weit überlegen war, konnte die Shōgunats-Regierung nicht wagen, sie einfach abzulehnen, und bat deshalb um eine einjährige Gedenkzeit. Dennoch kam die amerikanische Flotte schon nach einem halben Jahr wieder, diesmal mit 7 Schiffen, und verlangte eine Antwort auf die amerikanischen Forderungen aufdringlich. 

Das Shōgunat wusste nicht, was man machen soll, und fragte deshalb alle Regionalfürsten und sogar Normalbevölkerung nach ihren Meinungen, zum ersten Mal während der letzten 250 Jahre. Das war ein deutliches Zeichen für Schwäche des Shōgunats. Die meisten Fürstentümer hatten keine Idee und waren opportunistisch. Einige einflussreiche Fürstentümer konnten sich über weiteres Vorgehen nicht einigen. Auch im Tokugawa-Clan war man sich durchaus nicht einig über die langfristige Gestaltung der Außenpolitik.

Das Shōgunat wollte sich nun beim Kaiserhof Rat holen. 

  • Bild 6: Aufstand

  • Bild 7: Vier Fürstentümer und Shōgunat in Edo

  • Bild 8: Vier Dampfschiffe der amerikanischen Kriegsmarine

Bild 9: Tennō (Kaiser) und Shōgun

Tennō (Kaiser) und Shōgun 

Hierbei wurde es Europäern und Amerikanern klar, dass es in Japan zwei Herrscher gibt. Der eine ist der (weltliche) Shōgun, und der andere ist der (geistliche) Tennō (Bild 9).  

Nun, wie standen die beiden miteinander? 

Japan war seit uralter Zeit immer vom Tennō regiert worden. Der Kaiserhof hatte einst eine Kämpferbande, deren Aufgabe Schutz des Kaiserhofs war. Diese Kämpferbande wurde im Laufe der Zeit größer und mächtiger. Sie übernahm dann Ende des 12. Jahrhunderts die Regierung, und die Kämpfer nannten sich später Samurai. Interessanterweise wurde damals das Kaisertum nicht vernichtet, obwohl der Tennō natürlich seine politische Macht verlor. Bei nachfolgenden Regierungswechseln und auch als Shōgun Tokugawa das ganze Land eroberte, blieb der Kaiserhof unversehrt. Es war sogar formal so, dass der Tennō immer das Oberhaupt Japans war und er den jeweiligen Shōgun beauftragte, das Land zu regieren. Seitdem Samurai an die Macht kam, besaßen alle aufeinander folgenden Tennō keine reale Macht und befanden sich außerhalb des politischen Geschehens. 

Und nun nach 700 Jahren geriet der Tennō in den außenpolitischen Trubel. Das Shōgunat bat nämlich den Tennō um eine Erlaubnis, mit Amerika einen Freundschaftsvertrag abzuschließen.  

Was sagte der Tennō?

Weil das außenpolitische Argument des Kaiserhofs auf der schintoistischen Anschauung basierte, gab es weder Realität noch Rationalität. Der Tennō lehnte nämlich die Erteilung der Erlaubnis ab und wies auf den Grundsatz des Fremdenhasses hin. 

Das Tokugawa-Shōgunat hatte wirklich ein großes Problem. Einerseits Amerika mit seiner militärischen Macht, andererseits der Kaiserhof mit seiner Autorität. Shōgun Tokugawa musste nun eine politische Entscheidung treffen. 

Freundschafts- sowie Handelsverträge

Das Shōgunat schloss Freundschafts- sowie Handelsverträge mit Amerika und auch mit vier europäischen Ländern ab; ohne Erlaubnis des Tennō, denn das Shōgunat wollte eine bewaffnete Auseinandersetzung mit den Westen um jeden Preis vermeiden.  

Danach kamen diverse Abendländer nach Japan, wie Diplomaten, Händler, Missionare, Wissenschaftler usw. Und die meisten von ihnen schlugen ihren Wohnsitz in Yokohama bei Edo auf. Die Ausländer hatten Möglichkeiten, durch Außenhandel mit ihrem Heimatland viel zu verdienen oder vom Shōgunat bzw. von einem Regionalfürstentum als Berater angestellt zu werden. 

Eindruck von Japan

Nun, was für welche Eindrücke gewannen die eingereisten Europäer von diesem unbekannten, geheimnisvollen Land?   

Für die christlichen Europäer galt Japan als ein nur halbwegs entwickeltes Land. Die Europäer merkten aber sofort, dass Japan zwar anders als westliche Länder, aber ein Land ist, das eine einzigartige hohe Kultur besitzt. Die Städte waren sauber, und es gab keine Bettler. Das japanische Volk ist schlicht, ungekünstelt und anscheinend sehr glücklich. Der amerikanische Konsul fragte sich, “Dürfen wir wirklich unsere westliche Kultur in Japan hineinbringen, denn sie scheinen ohne uns so glücklich zu sein?  Ist es wirklich ein Fortschritt für Japan?”. 

Die Europäer bekamen einen Schreck, als sie sahen, dass Männer und Frauen in öffentlichen Bädern ungeniert miteinander baden. Es scheint bei Japanern Nacktheit keine Scham zu erregen, wahrscheinlich weil sie Nicht-Christen sind. Was Aussehen von Japanern anbetrifft, sind sie, für europäische Augen, hässlich, weil ihre Nase zerquetscht ist und sich ihre Augen an komischen Stellen befinden. Besonders hässlich fanden die Europäer verheiratete Frauen mit schwarz gefärbten Zähnen (Bild 10).  

Änderung der japanischen Gesellschaft

Nun, wie änderte sich die japanische Gesellschaft nach der Landesöffnung?

Politisch war es so: Der Tennō entrüstete sich darüber, dass das Shōgunat trotz des kaiserlichen Widerspruchs die Verträge unterzeichnete. Hier begann der Streit zwischen dem Kaiserhof und dem Shōgunat. Zahlreiche Patrioten aus allen Teilen des Landes, die der Außenpolitik des Shōgunats trotzten, versammelten sich in Kyoto und nahmen mit dem Kaiserhof Kontakt auf. So wurde Kyoto der Mittelpunkt politischer Bewegungen. Die Öffnung des Landes war wahrscheinlich eine richtige politische Entscheidung. Aber das ganze Land wurde nun in zwei Gruppen gespalten; und zwar “Landesöffnung - Ja oder Nein”. 

Wirtschaftlich gesehen, war es so: Zahlreiche ausländische Firmen wurden nach und nach gegründet (Bild 11). Sie kauften verschiedene Produkte, wie Rohseide, Textilien, Tee usw. auf, so dass wegen Warenmangel die Preise stiegen. Darüber hinaus flossen Goldmünzen in großer Menge aus dem Land aus durch den äquivalenten Tauschhandel zwischen Gold und Silber. Das heißt; der neue Außenhandel verursachte eine große wirtschaftliche Schwierigkeit. 

Fremdenhass

Bedauerlicherweise nahm die Anzahl von gewissenlosen, westlichen Händlern und Matrosen zu. Sie drangen manchmal in Wohnhäuser oder Geschäfte ein und tobten sich ungezügelt aus, weil sie das japanische Volk für primitiv hielten und von oben herabsahen. Natürlich gab es auch Europäer von edlem Charakter, aber die meisten waren Menschen ohne Bildung und kaum von der Kultur beleckt. Für Japaner waren Ausländer trotz ihrer imponierenden Kriegsflotte, Maschinen und Waffen doch barbarisch und eroberungssüchtig. Jeder Japaner von damals hatte spontane Loyalität gegenüber dem Tennō. Der Gedanke, dass unser heiliges Land von Ausländern beschmutzt wird, führte deshalb zu Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit, mit der Parole „Verehrt den Tennō, verjagt die Barbaren“ (Bild 12),

Tatsächlich wurden immer wieder Überfälle auf westliche Staatsbürger ausgeübt. Darüber hinaus wurde das englische Gesandtschaftsgebäude von ausländerfeindlichen Samurai angegriffen, wobei zwei Diplomaten verletzt wurden. 

Solche Vorfälle waren für das Shōgunat ein riesiges Problem. Die Europäer hatten selbstverständlich große Angst vor einem möglichen Überfall, so dass sie eine Pistole immer bei sich tragen mussten. Sie verlangten vom Shōgunat eine Verbesserung der Situation mehrmals. Es passierte aber gar nichts, so dass die Machtlosigkeit des Tokugawa-Shōgunats richtig erkannt wurde. 

  • Bild 10: Badehäuser und verheiratete Frau mit schwarz gefärbten Zähnen

  • Bild 11: Lebhafte Aktivität ausländischer Firmen

  • Bild 12: Ausländerfeindlichkeit von Japanern

Bild 13: Angriff von Chōshū auf Kaiserhof

Preußische Gesandtschaft 

Im Jahr 1860, d. h. mitten in der ausländerfeindlichen Zeit, traf die preußische Gesandtschaft in Japan ein. Preußisch-japanische Vertragsverhandlungen waren schwierig, weil die fremdenfeindliche Stimmung ausgeprägt war und weil Preußen verlangte, nicht nur mit Preußen, sondern auch mit über 30 Verbündeten, wie Hansestädten, Verträge zu schließen. Letztendlich wurde nur mit Preußen ein Handelsabkommen unterzeichnet. 

Situation in Kyoto

Kyoto war seit dem 8. Jahrhundert der Sitz des Kaiserhofs. Es wurde bereits erwähnt, dass mit dem Shōgunat unzufriedene Samurai nach Kyoto kamen und Kyoto zum Mittelpunkt politischer Geschehnisse wurde. Mit der Zunahme der frustrierten Samurai wurden öffentliche Ruhe und Ordnung in Kyoto extrem gestört. Weil das Shōgunat dazu verpflichtet war, den Tennō und Kaiserhof zu schützen, errichtete es zusätzlich zur bereits vorhandenen Sicherheitspolizei eine Spezialtruppe für Bekämpfung von Terrorismus. Zum Chef der Spezialtruppe wurde der Fürst von Aizu ernannt.  

Aizu organisierte innerhalb der Spezialtruppe eine Mörderbande aus herrenlosen Samurai. Die Mörderbande sollte gezielt die Samurai eliminieren, die sich der Politik des Shōgunats widersetzen und terrorisieren. Terroristen wollten wiederum möglichst viele Vasallen vom Shōgunat und Aizu töten. Also, während in Yokohama bei Edo Ausländer angegriffen wurden, mordeten sich Japaner in Kyoto gegenseitig. Die Terroristen waren überwiegend aus Chōshū stammende Samurai von niedrigem Rang. Sie waren Extremisten und besonders aggressiv. 

Angriff von Chōshū auf Kaiserhof

Das Fürstentum Chōshū hatte von Anfang an darauf visiert, das Shōgunat zu stürzen. Die Truppe von Chōshū drang nun in Kyoto ein, um den Tennō zu entführen und zu ihrem Fürstentum zu bringen, so dass Chōshū die Autorität des Tennō für sich nützen könnte. Obwohl dieser Versuch letztendlich misslang, setzte Chōshū Kanonen ein, wodurch 30.000 Wohnhäuser in Kyoto ausbrannten. Weil Chōshū auch auf den Gebäudekomplex des Kaiserhofs feuerte (Bild 13), erklärte der Tennō Chōshū zum „Feind des Kaiserhofs“, was für Chōshū sehr unehrenhaft war.

Satsuma in Edo

Der Fürst von Satsuma war mit seinen über 1000 Begleitern und Eskorten in Edo und versuchte mit Shōgun Tokugawa, eine friedliche Lösung des politischen Problems zu erzielen. Aber der Versuch platzte, weil der Shōgun auf seiner Position ausharren wollte. Nun war es Satsuma klar, dass es nur noch eine Möglichkeit gibt, um Japan aus der Misere herauszuholen; d. h. Sturz des Tokugawa-Clans. 

„Namamugi“-Zwischenfall

In Japan war es gesetzlich festgelegt, dass man am Straßenrand auf die Knie fallen und sich verbeugen muss, wenn man auf der Straße einem fürstlichen Zug begegnet, um jedem Regionalfürsten Ehre zu erweisen. Das Shōgunat hatte allen   ausländischen Vertretern dieses Gesetz bekannt gegeben. 

Als der Fürst von Satsuma zu seiner Provinz unterwegs war, kamen 4 Engländer zu Pferde entgegen, ritten in den Zug hinein und sahen von oben herab (Bild 14). Ein paar Samurai von Satsuma ärgerten sich darüber und zogen ihre Schwerter. Ein Mann wurde getötet, zwei Männer schwer verletzt, und eine Frau konnte entfliehen. Ausländische Bewohner erfuhren diesen Zwischenfall und regten sich darüber auf. Einige wollten bewaffnet an den Tatort eilen, andere behaupteten, dass man alle westlichen Streitkräfte zusammenschließen und die Verbrecher jagen sollte. England stoppte all solchen Aktionen, mit dem Argument, dass es einen Krieg gegen Japan bedeuten würde.  

Lokaler Krieg zwischen Satsuma und England (1862)

Aber dieser Konflikt entwickelte sich doch zu einem lokalen Krieg zwischen Satsuma und England, weil die Verhandlung über Entschädigung des Vorfalls misslang. Die Batterien von Satsuma und die englische Kriegsflotte beschossen 2 Tage lang (Bild 15). Obwohl die Stadt niedergebrannt wurde, war das ein heißer Kampf. Bei der anschließenden Friedensverhandlung lobten sich die beiden Parteien wegen ihrer Tapferkeit gegenseitig, und es entstand eine Art Freundschaft zwischen den beiden.  

Nach diesem Krieg bekam Satsuma Furcht vor militärischem Potenzial von Europa und begann realistisch zu denken; d. h. Satsuma änderte seine Meinung von der Vertreibung von Fremden zur Öffnung des Landes. 

Verhandlungen zwischen Tennō und Shōgun

Es wurde bereits erwähnt, dass sich der Tennō über die Schließung der Verträge vehement ärgerte. Er war dennoch grundsätzlich gegen Sturz der Shōgunats-Regierung. Hier sah Shōgun Tokugawa eine Chance. Der Shōgun erklärte dem Tennō, dass er eigentlich ungern aber aus politischer Entscheidung die Verträge abschließen musste und dass eine Gegenüberstellung zwischen dem Kaiserhof und dem Shōgunat gar nicht gut für Japan ist. Außerdem schlug der Shōgun dem Tennō eine Eheschließung mit einer Schwester des Kaisers vor, um verwandtschaftlich miteinander eng zusammen zu arbeiten und gemeinsam eine Regierung zu bilden; unter dem Schlagwort „Einigung von Hof und Kriegern“.   

Offensichtlich war die Shōgun´s Absicht eine Revitalisierung der Tokugawa-Herrschaft durch die Autorität des Kaiserhofs. Der Tennō war zuerst gegen solche Verstandesheirat. Aber er erlaubte sie schließlich unter einer Bedingung. Die Bedingung war folgendes: das Shōgunat soll einen Termin für Fremden-Vertreibung festlegen und sie standhaft durchführen. 

Am festgelegten Termin teilte somit das Shōgunat den westlichen Vertretern mit, dass alle Ausländer sofort Japan verlassen sollen. Die Ausländer sagten, „Was? Japan verlassen? Tokugawa spinnt ja! Er hat doch mit uns einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen. Was er macht, ist alles irrsinnig.“ Diese unverständliche Handlung vom Shōgunat verursachte ein tiefes Misstrauen unter den Abendländern.  

Lokaler Krieg zwischen Chōshū und westlichen Ländern (1864)

Wie erwähnt war das Fürstentum Chōshū “Feind des Kaiserhofs” geworden, und all seine Samurai waren in ihrer Heimatsprovinz zurückgezogen. Chōshū wagte nun einen wahnsinnigen Schritt, um das Shōgunat noch mehr in die Enge zu treiben. Genau an dem vom Shōgunat festgelegten Stichtag für Ausländer-Vertreibung öffnete Chōshū mit seinen Küstenbatterien das Feuer auf die ausländischen Schiffe, die durch die Meeresenge von Shimonoseki passierten. 

Ein paar Monate später revanchierte sich die internationale Flotte aus 17 Kriegsschiffen. Nach drei Tagen wurde Chōshū besiegt (Bild 16), und ein Versöhnungsgespräch wurde eingeleitet. Nach diesem Krieg erkannte Chōshū auch, dass eine Ausländer-Vertreibung nicht möglich ist. 

Nach den beiden lokalen Kriegen kam England zu Satsuma und Chōshū näher, während es vom Tokugawa-Shōgunat allmählich Abstand hielt, obwohl das Außenministerium in England eine absolute Neutralität verlangt hatte. 

Das Shōgunat kündigte dem Chōshū eine Strafexpedition wegen der wahllosen Beschießung an, um die Macht des Shōgunats zu zeigen. Aber es dauerte 14 Monate bis zur Expedition, weil das Shōgunat geschwächt und nahezu handlungsunfähig war. 

 

  • Bild 14: „Namamugi“-Zwischenfall

  • Bild 15: Krieg zwischen Satsuma und England

  • Bild 16: Westliche Ausländer um Kanonen von Chōshū herum nach dem Krieg

Bild 17: Strafexpedition in Chōshū

Was passierte während dieser 14 Monate?

Chōshū wollte sich für die angekündigte Strafexpedition aufrüsten. Es war aber nicht möglich, weil Chōshū als der „Feind des Kaiserhofs“ isoliert war und offiziell unter Wirtschaftsembargo stand. 

Militärisches Geheimbündnis zwischen Satsuma und Chōshū

Hier erschien das Fürstentum Tosa auf der Bühne. Ein Samurai namens Ryōma hatte seine Heimat, Tosa, verlassen und eine Firma gegründet. Er betrieb Handel zwischen Satsuma und England. Er importierte englische Waffen sowie Munitionen unter dem Vorwand, dass sie für Satsuma wären, und er leitete sie zu Chōshū heimlich weiter. Dadurch konnte Ryōma als Vermittler zwischen Satsuma und Chōshū fungieren, und es gelang ihm, miteinander ein militärisches Geheimbündnis schließen zu lassen.      

Strafexpedition in Chōshū

Und bei der späteren Strafexpedition des Shōgunats (Bild 17) gewann Chōshū.

Die Gründe hierfür waren; zum einen hatte Chōshū inzwischen durch englische Waffen ihre Armee modernisiert. Zum anderen hatten fast alle Fürstentümer, einschließlich Satsuma, die Absendung ihrer Truppen, trotz Anforderung des Shōgunats, verweigert.  

Verhältnisse zwischen Fürstentümern

Hier werden die Freund-Feind-Verhältnisse zwischen den beteiligten Parteien einmal klargestellt (Bild 18). 

Das konservative Fürstentum Aizu ist dem Shōgunat sehr treu. Satsuma und Chōshū sind verbündet und wollen das Shōgunat stürzen. Dahinter ist England versteckt. (Übrigens: Frankreich unterstützt das Shōgunat, die anderen westlichen Länder sind neutral.) Der Fürst von Tosa versucht noch, die Probleme irgendwie friedlich zu lösen. Alle anderen Fürstentümer sind opportunistisch.  

Situation im Kaiserhof

Was ist mit dem Kaiserhof?

Radikale Hofadlige sind den Chōshū und Satsuma angeschlossen. Konservative und der Tennō sind gegen Sturz des Shōgunats und wollen mit dem Shōgun zusammen eine neue Regierung bilden. Also, der Kaiserhof ist zwar geteilt, aber die Entscheidung liegt beim Tennō.   

Es passierte dann etwas Schreckliches für den Shōgun. Der Tennō verstarb nämlich plötzlich. 

Die Todesursache des Tennō war offiziell Pocken, aber heute noch läuft das Gerücht um, dass sie ein Meuchelmord durch Vergiftung war. 

Dadurch änderte sich das Machtverhältnis im Kaiserhof (Bild 19). Weil der neue Tennō 14 Jahre jung war, wurde der Kaiserhof von der Anti-Shōgunat-Gruppe sofort eingenommen. Von da an wurden kaiserliche Befehle von den Hofadligen erteilt, die sich mit den radikalen Elementen aus Satsuma und Chōshū gegen das Shōgunat verschworen.  

Wie bereits erwähnt, war es in der Edo-Zeit formal so, dass der Tennō das Oberhaupt des Staates war und er den Shōgun beauftragte, das Land zu regieren. Also, jede politische Entscheidung musste vom Tennō stattgegeben werden.

Situation in Kyoto

Jetzt änderte sich die Machtstruktur in Kyoto. 

Chōshū, Satsuma und Tosa trieben Aizu aus Kyoto fort, das dem Tokugawa-Clan am treuesten war und die Aufgabe hatte, den Kaiserhof zu beschützen. Die drei starken Fürstentümer übernahmen die Aufgabe von Aizu und gewannen den 14-jährigen Tennō sowie seine Autorität. Sie schafften die Shōgunats-Regierung gänzlich ab und veröffentlichten den kaiserlichen Befehl, dass die kaiserliche Regierung nach 700 Jahren wiederbelebt wird. Dies wird offiziell “Restauration” genannt, aber das war praktisch eine Unterschlagung. 

Darüber hinaus wollten Satsuma und Chōshū zu den Waffen greifen, um den Tokugawa-Clan niederzuschlagen. Weil sie dafür eine heilige Pflicht und ein moralisches Gebot benötigten, wollten sie eine Erlaubnis vom Tennō haben. 

Sie wurde durch die neue Machtposition des Kaiserhofs erteilt. Diese kaiserliche Erlaubnis war aber eine Fälschung, die von Satsuma und einem Chōshū-freundlichen Hofadligen ohne Wissen vom neuen kleinenTennō gemacht wurde. 

Rückkehr der großen Regierung (Taiseihōkan)

Als die Erlaubnis zum gewaltsamen Sturz des Tokugawa-Regimes erteilt wurde, hatte Shōgun Tokugawa einem Monat zuvor auf sein Amt als Shōgun verzichtet und die politische Führung formell dem Tennō zurückgegeben (Bild 20); und zwar nach dem Vorschlag von Tosa. Tosa hatte vor, nach der Restauration eine Umstrukturierung der Regierung nach wie vor ohne Gewalt voranzutreiben. Der damalige Shōgun Tokugawa Keiki hatte bereits Edo verlassen und war in Osaka residiert gewesen. 

Man kann sich gut vorstellen, dass Keiki wie folgt dachte und plante; nämlich 

„Mit meinem Rücktritt kann ich die kriegerische Absicht von Satsuma und Chōshū abwenden. Der Tokugawa-Clan wird unversehrt bleiben. Außerdem bin ich der einzige Mensch, der eine neue Regierung führen kann, denn ich habe viel Erfahrung damit, während es der Kaiserhof nicht kann, weil er 700 Jahre nichts mit der Politik zu tun hatte. Trotz meines Rücktritts werde ich schließlich neuer Regierungschef werden, und Tosa wird mich unterstützen.“ 

Keiki visierte also auf sein Wiederaufblühen. 

Egal was er vorhatte. Das Faktum war, dass die Shōgunats-Regierung nicht mehr existiert und Japan vorübergehend von Satsuma, Chōshū und einigen radikalen Adligen regiert wird. Frankreich, das das Tokugawa-Shōgunat unterstützte, wurde überrascht, enttäuscht und war fassungslos. England, das dem Shōgunat bereits den Rücken gekehrt hatte und mit Satsuma und Chōshū ein gutes Verhältnis hatte, begrüßte dieses Ereignis. 

Nun weil das Shōgunat seine Macht bereits abgegeben hatte, nützten die heilige Pflicht und das moralische Gebot zur gewaltsamen Vernichtung des Tokugawa-Clans nicht mehr. Aber Satsuma und Chōshū wollten Alt-Shōgun Keiki unbedingt zum Krieg treiben.  

Was haben sie gemacht?

 

  • Bild 18: Freund-Feind-Verhältnisse zwischen den beteiligten Parteien

  • Bild 19: Änderung des Machtverhältnisses im Kaiserhof

  • Bild 20: Taiseihōkan = Rückkehr der großen Regierung

Bild 21: Brand des Fürstenhauses von Satsuma

Provokation des Alt-Shōgunats durch Satsuma

Lehnsmänner von Satsuma provozierten die Samurai des Alt-Shōgunats in Edo, indem sie Zerstörungsakte wiederholten, wie Einbrechen, Raubmord sowie Angriff auf Behörden. Weil die Alt-Shōgunatsangehörige in Edo mit der öffentlichen Ruhe und Ordnung beauftragt waren, ärgerten sie sich außerordentlich und steckten das in Edo vorhandene Fürstenhaus von Satsuma in Brand (Bild 21). Dieses Ereignis in Edo motivierte die in der Burg von Osaka ansässigen frustrierten Lehnsmänner von Tokugawa und Aizu zum Kampf gegen Satsuma und Chōshū. Sie überredeten Alt-Shōgun Keiki zum Angriff. Nun, die Alt-Shōgunatstruppe marschierte von Osaka nach Kyoto, um den Tennō und Kaiserhof zurückzunehmen. 

Satsuma und Chōshū als kaiserliches Heer ⁄ Alt-Shōgunat als rebellische Armee

Jetzt haben Satsuma und Chōshū einen guten Grund zum Krieg gegen den Tokugawa-Clan. Schließlich wurde eine kaiserliche Genehmigung dafür erteilt, gegen Tokugawa und Aizu vorzugehen; allerdings ohne Tennō´s Wissen. Chōshū schickte 6 Kriegsschiffe in die Bucht von Osaka. Die Truppen von Satsuma und Chōshū hängten die kaiserliche Brokatflagge (Bild 22) aus; d. h. Satsuma und Chōshū sind nun das kaiserliche Heer, und das Alt-Shōgunat ist die rebellische Armee. Bei dieser Konstellation standen opportunistische Fürstentümer zur Seite von Satsuma und Chōshū. Kaum ein Fürstentum unterstützte das Alt-Shōgunat. Die Autorität der kaiserlichen Brokatflagge war wirklich unglaublich.  

Dann passierte etwas Unglaubliches.  

Flucht von Alt-Shōgun und Niederlage der Alt-Shōgunatsarmee

Der Alt-Shōgun Keiki ließ seine kämpfenden Lehnsmänner im Stich, entfloh dem Feind und kehrte per Schiff nach Edo zurück (Bild 23). Man muss sagen, dass ihm als Träger der Verantwortung offensichtlich Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Moralität fehlten. Die Soldaten der Alt-Shōgunatstruppen verloren natürlich ihr Wollen zum Weiterkämpfen. Sie gaben Osaka auf und gingen nach Edo oder nach ihren Heimatlehen auseinander. Innerhalb von 4 Tagen verlor die Alt-Shōgunatsarmee den Krieg. Folglich war neben Kyoto auch Osaka nun unter der Kontrolle des kaiserlichen Heers. Und auch alle westjapanischen Fürstentümer huldigten der neuen Regierung, ohne Widerstand zu leisten. England erklärte schließlich seine Neutralität. Die anderen ausländischen Mächte folgten ihm, so dass das Alt-Shōgunat seine Position als einzige international anerkannte japanische Regierung verlor. 

Neue Kaiserliche Regierung 

Der Kaiserhof teilte allen ausländischen Diplomaten folgendes mit: 

„Tokugawa Keiki hat dem Tennō seine politische Macht zurückgegeben. Nun ab jetzt liegt die Staatsgewalt in den Händen des Tennō. Die vom Shōgun unterschriebenen Verträge werden alle vom Kaiserhof übernommen. Das Wort „Shōgun“ in den Verträgen wird mit „Tennō“ ausgetauscht.“

50.000 Soldaten des kaiserlichen Heers waren unterwegs nach Edo, um Tokugawa Keiki festzunehmen. 

Fall der Burg von Edo

Wie war die Situation in Edo, wo sich Keiki und seine Lehensmänner in der Burg (Bild 24) aufhielten? 

Keiki verbannte den Fürst von Aizu aus Edo, weil er dachte, dass seine Ergebenheit gegenüber Satsuma und Chōshū durch Anwesenheit vom Fürst von Aizu negativ beeinflusst werden konnte. Das bedeutet, Keiki ließ den eng verbündeten Fürst von Aizu im Stich, der Keiki immer unterstützt hatte. Das, was Keiki am meisten befürchtete, waren eine Todesstrafe und ein Niedergang des Tokugawa-Clans. Er entschuldigte sich beim Kaiserhof, verließ seine Burg und zog sich in einen Tempel zurück. Keiki hatte seinen Vertreter beauftragt, Nachkriegsfragen zu erledigen und zitterte vor Angst, dass er zum Tode verurteilt würde. Der Keiki´s Vertreter und der Generalgouverneur des kaiserlichen Heeres waren darüber einig, dass die Burg von Edo ohne Blutvergießen der neuen Regierung überlassen werden sollte, weil sie eine Zerstörung von Edo nicht wollten. 

Gesichtspunkt von England 

Auch England war gegen Schlacht in Edo. Das Argument von England war: 

„Mit der Übergabe der Burg von Edo muss das Ziel des Kaiserhofs erreicht worden sein. Ein Angriff gegen den widerstandslosen Alt-Shōgun Keiki wäre gegen die international-öffentliche Meinung sowie Recht.“

So wurde eine Schlacht in Edo vermieden. Damit erlosch das Tokugawa-Shōgunat vollständig. Die neue kaiserliche Regierung (in Wirklichkeit eine provisorische Revolutionsregierung) strebte nun zur Stabilisierung. Diese politische Entwicklung war für Keiki erfreulich, denn sein Leben wurde gerettet und die Ehre des Tokugawa-Clans blieb. Keiki zog sich auf seine Heimat Mito bei Edo zurück. 

 

  • Bild 22: Kaiserliche Brokatflagge

  • Bild 23: Flucht von Alt-Shōgun

  • Bild 24: Burg von Edo damals

Bild 25: Vorrücken des kaiserlichen Heers nach Nordosten Japans (roter Pfeil)

Vorrücken des kaiserlichen Heers nach Nordosten Japans

Aber zur allgemeinen Überraschung rückte das kaiserliche Heer nach Nordosten Japans vor (Bild 25). Seine Absicht war, die Reste der Alt-Shōgunatstruppen auszurotten und das Aizu-Fürstentum zu bestrafen. Die Revolutionsregierung von Satsuma und Chōshū verlangte vom Aizu-Fürstentum die Enthauptung des Lehnsherrn, die Burg sowie das gesamte Herrschaftsgebiet, so dass den Aizu-Lehnsmännern nichts übrigblieb als Kampf auf Leben und Tod. Der ehemalige Shōgun Keiki ignorierte die Notlage des Aizu und beschuldigte sogar Aizu mit der Aussage, „Aizu raste ohne Kontrolle.“   

Dem historischen sowie internationalen Menschenverstand nach müsste der Krieg nach der Kapitulation und Übergabe der Burg von Edo eigentlich zu Ende kommen. Selbst der Alt-Shōgun Keiki wurde freigesprochen. Warum muss Aizu noch bestraft werden?  

Es wurde bereits gezeigt, dass Aizu damals als Spezialtruppe für Bekämpfung von Terrorismus eine Mörderbande einsetzte und zahlreiche Vasallen von Satsuma und Chōshū ermordete, solange Satsuma- sowie Chōshū-Samurai Terroristen waren. Diese Tatsache blieb dem Chōshū als ein Groll. Satsuma und Chōshū wollten jetzt nordöstlich marschieren, um sich an Aizu zu rächen. Die Revolutionsregierung ist nun eine eigennützige Gruppe. 

Man kann sagen, dass der ganze Krieg überhaupt eine Betrügerei war, denn Chōshū, das einmal “Feind des Kaiserhofs” gewesen war, wurde dem kaiserlichen Heer. Und Aizu, das einmal als Sondertruppe gegen Terrorismus den Kaiserhof beschützt hatte, wurde dem Rebell.  

Bündnis zwischen nordöstlichen Fürstentümern 

Im Nordosten Japans befanden sich zahlreiche ordentliche Samurai, die nach Bushidō, d. h. nach dem japanischen Rittertum, lebten. Sie sagten:  

„Bushidō ist für Gerechtigkeit da. Wir akzeptieren keinen gefälschten kaiserlichen Befehl. Vernunftwidrigkeit wird nicht geduldet. Einen Abbittenden zu quälen, das ist gegen den Bushidō-Geist. Wer das macht, ist nicht das kaiserliche Heer, sondern nur eine Privatarmee von Satsuma und Chōshū.“ 

Und 31 Fürstentümer in Nordost-Japan bildeten eine Allianz (Bild 26), um Aizu beizustehen.   

Einflüsse von außen auf japanische Sachlage (Bild 27)

Wie verhielten sich die europäischen Länder?

Die neue Regierung hatte alle ausländischen Vertreter ersucht, sich in die japanische innerstaatliche Angelegenheit nicht einzumischen. Aber inoffiziell stand England eindeutig auf der Seite von Satsuma und Chōshū, während Frankreich für das Alt-Shōgunat Sympathie hegte. Ein möglicher Deutscher namens John Henry Schnell wurde zum militärischen Berater von der Allianz des Nordostens, und sein Bruder Edward transportierte als Händler Waffen aus China zu den nordöstlichen Fürstentümern.   

Die Frage ist, warum Preußen die nordöstlichen Fürstentümer unterstützte. Preußen hatte gedacht, dass dieser Krieg lange dauern könnte und Japan in Nord und Süd geteilt würde. Möglicherweise wollte Preußen auf den nördlichen Teil Japans Einflüsse ausüben und ihn kolonisieren, weil Preußen damals Besiedlungen in Ausland gewünscht hatte. Tatsächlich schlug der erste Konsul Maximilian von Brandt dem Auswertigen Amt in Berlin vor, diese verwirrte Lage des Japans zu benutzen und in Hokkaido eine preußische Kolonie aufzubauen. Der Reichskanzler Otto von Bismarck lehnte jedoch den Vorschlag ab.

 

  • Bild 26: Bündnis zwischen nordöstlichen Fürstentümern

  • Bild 27: Einflüsse von außen auf japanische Sachlage

Bild 28: Schlacht in Aizu

Boshin Krieg

Nun zum Krieg, der „Boshin Krieg“ genannt wird.  

Nur Aizu war kampferfahren, die anderen nordöstlichen Fürstentümer lebten 250 Jahre lang in Frieden. Deshalb kapitulierten viele von ihnen schnell und gingen ins feindliche Lager über, weil sie nicht zu den rebellischen Truppen gestempelt werden wollten. Die nordöstlichen Fürsten verstanden die Gerechtigkeit von Aizu. Aber sie handelten utilitaristisch und berechnend. So brach die Allianz relativ schnell zusammen, und Aizu musste einsam durchkämpfen.  

Schlacht in Aizu (Bild 28)

Die Tragödie von Aizu war, dass Frauen und Kinder in den Krieg verwickelt wurden, weil die Stadt zum Schlachtfeld wurde. Die Familienmitglieder von Samurai, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Burg Schutz suchen konnten, begingen Selbstmord; und zwar aus der Verzweiflung, dass Aizu zugrunde gerichtet wird und auch aus der Sittlichkeit, dass man nicht lebend in Schande gerät. Auch alte Menschen, Frauen sowie Kinder griffen zu Gewehren und Schwertern. Über 300 Frauen und Kinder starben dabei. 

Die in der Burg eingeschlossenen Menschen konnten trotz Mangel an Nahrungsmittel einen Monat der Belagerung heldenhaft widerstehen, wobei Frauen eine große Rolle spielten, denn sie bereiteten Speisen zu, pflegten Verletzte und stellten Munitionen her.

Der Lehnsherr von Aizu entschied sich für Ergebung, obwohl seine Enthauptung zweifellos war. Die Vier Fünftel der Stadt wurden niedergebrannt. Die Schlacht war sehr grausam. Die Besatzungsarmee erlaubte die Beerdigung der Gefallene von Aizu erst 6 Monate später, mit der Begründung, dass sie Verbrecher gewesen wären. Da könnte man sich eine Hölle vorstellen; die Leichen wurden von Tieren und Vögeln gefressen. Verwesung, Leichengeruch, Skelettierung usw. 

Über 14.000 Lehnsmänner und ihre Familienmitglieder wurden zu Umsiedlung nach dem nördlichsten Teil der Honshū-Insel gezwungen. Wegen extrem schlechten Lebensbedingungen starben zahlreiche Menschen durch Kälte und Hunger.  

Letzter Widerstand von letzten Samurai        

Nun, Szenenwechsel.

Damals hatte das Tokugawa-Shōgunat durch Unterstützung von Frankreich eine Armee europäischen Stils und auch die größte Kriegsflotte in Asian. Der General der Marine, Emonoto, war mit der Kapitulation des Shōgunats nicht einverstanden. Er verließ Edo mit seinen 8 Kriegsschiffen und schlug den Weg nach Hokkaidō ein (Bild 29). Französische Offiziere waren als Berater dabei. Unterwegs wollte Enomoto eigentlich in Sendai einmal Anker auswerfen, um Aizu zu helfen. Aber das konnte er nicht, weil er selbst wegen Taifun in Seenot geriet. Er konnte nur noch Flüchtlinge aufnehmen.  

Die Enomoto´s Flotte mit 3.000 Soldaten erreichte Hakodate in Hokkaidō und okkupierte das sternförmige Schloss. Enomoto tappte hier nach einem Freistaat, der unabhängig von der neuen Regierung von Satsuma und Chōshū sein sollte. Nun, er lud die ausländischen hohen Beamten, die sich in Hakodate aufhielten, ein und feierte, so dass sein Freistaat als eine eigenständige Regierung anerkannt wurde (Bild 30). Darüber hinaus veranstaltete Enomoto eine freie Wahl, um Premierminister der Regierung zu wählen. Das ist die erste freie Wahl für ein Amt in Japan. 

Der Freistaat existierte nur 6 Monate lang. Danach verlor Enomoto einige seiner Kriegsschiffe wegen winterlichem Sturm, so dass nun die Streitkräfte der neuen kaiserlichen Regierung dominierten. Enomoto verlor die erste regelrechte Seeschlacht in Japan. 

Auf dem Landweg marschierte das 6.000 Mann starke kaiserliche Heer nach Hakodate. Enomoto ergab sich (Bild 31). So ging die Samurai-Epoche zu Ende. Enomoto und seine Männer waren somit die letzten Samurai. 

  • Bild 29: Schifffahrtsweg der Kriegsflotte von Enomoto (blauer Pfeil)

  • Bild 30: Anerkennung des Freistaats von Enomoto als eigenständige Regierung

  • Bild 31: Niederlage von Enomoto

[Ende]